Brennnesselsamen für Hühner: Warum ich sie Ende August sammle und wie ich sie verfüttere
Ende August gibt es bei mir im Garten diesen Zeitpunkt, an dem ich Brennnesseln plötzlich mit vollkommen anderen Augen sehe. Im Frühjahr freue ich mich über die jungen Blätter, später lasse ich viele Pflanzen bewusst stehen und irgendwann hängen an den weiblichen Brennnesseln diese schweren Samenstände herunter, bei denen ich sofort denke: Die lasse ich jetzt ganz sicher nicht einfach irgendwo vertrocknen.
Denn Brennnesselsamen gehören für mich zu diesen Dingen, die man mit erstaunlich wenig Aufwand selbst sammeln und für den Winter bevorraten kann. Ich muss dafür nichts anbauen, nichts düngen und im Grunde nicht einmal besonders viel können, außer eine Brennnessel zweifelsfrei zu erkennen und beim Ernten idealerweise Handschuhe anzuziehen. Letzteres ist eine Erkenntnis, zu der man notfalls auch ziemlich schnell auf praktischem Weg kommt.
Gerade für meine Hühner sammle ich jedes Jahr verschiedene Pflanzen und Pflanzenteile, weil ich eine abwechslungsreiche Fütterung mag und saisonale Dinge aus dem eigenen Garten gern nutze. Dabei ist mir allerdings wichtig, zwischen einer sinnvollen Futterergänzung und den teilweise ziemlich wilden Versprechen zu unterscheiden, die rund um Heilpflanzen und Kräuter in der Tierhaltung kursieren.
Brennnesselsamen sind interessant. Sie sind aber kein Zauberpulver, das aus einer schlechten Fütterung plötzlich eine gute macht.
Was sind Brennnesselsamen eigentlich?
Die Große Brennnessel, Urtica dioica, ist zweihäusig. Das bedeutet, dass männliche und weibliche Blüten normalerweise auf unterschiedlichen Pflanzen sitzen. Die weiblichen Pflanzen bilden nach der Bestäubung die kleinen Früchte mit den Samen, die später in längeren, teilweise deutlich herabhängenden Büscheln an der Pflanze sitzen.
Genau diese schweren hängenden Samenstände suche ich Ende des Sommers.
Wenn man einmal weiß, wie sie aussehen, erkennt man sie ziemlich leicht. Die weiblichen Samenstände wirken mit zunehmender Reife dichter und schwerer und hängen stärker nach unten, während die männlichen Blütenstände meist lockerer wirken.
Bei der Ernte muss man übrigens nicht warten, bis jede Brennnessel komplett braun und trocken ist. Ich nehme Samenstände, die gut entwickelt sind und bereits deutlich Samen tragen, und trockne sie anschließend kontrolliert weiter.
Das ist mir lieber, als darauf zu warten, dass die Pflanze irgendwann selbst beschlossen hat, den gesamten Vorrat im Garten zu verteilen.
Warum Brennnesselsamen ernährungsphysiologisch überhaupt interessant sind
Bei der Brennnessel werden häufig Blätter, Wurzeln und Samen in einen Topf geworfen und anschließend sämtliche Inhaltsstoffe der gesamten Pflanze den Samen zugeschrieben. Das ist fachlich etwas großzügig.
Tatsächlich wurden Brennnesselsamen und besonders das daraus gewonnene Öl separat untersucht. Analysen zeigen unter anderem verschiedene ungesättigte Fettsäuren. In Brennnesselsamenöl wurden beispielsweise Linolsäure und Linolensäure beschrieben, daneben wurden in Untersuchungen antioxidativ wirkende Pflanzenstoffe beziehungsweise entsprechende Aktivitäten nachgewiesen.
Das finde ich schon spannend genug, ohne daraus irgendeine Wunderwirkung machen zu müssen.
Es gibt außerdem Studien zur Verwendung von Brennnessel in der Geflügelfütterung. Dabei wurde allerdings überwiegend mit Brennnesselpulver beziehungsweise anderen Pflanzenteilen gearbeitet und nicht speziell mit der kleinen Menge selbst gesammelter Samen, die wir unseren Hühnern zuhause unter das Futter geben. Bei Legewachteln wurde beispielsweise untersucht, wie sich drei beziehungsweise sechs Prozent Brennnesselpulver in der Gesamtration auf Leistung und Eiqualität auswirken. Auch bei Hühnern wurden Brennnesselbestandteile als Futterzusatz wissenschaftlich untersucht.
Das ist ein wichtiger Unterschied, weil ich aus solchen Untersuchungen nicht einfach ableiten kann, dass ein Esslöffel Brennnesselsamen bei meinem Huhn automatisch denselben Effekt auslöst.
Für mich sind sie deshalb in erster Linie ein wertvoller saisonaler Futterbaustein und kein Medikament.
Sind Brennnesselsamen besonders proteinreich?
Auch das liest man ständig.
Bei der Brennnessel insgesamt gibt es durchaus Pflanzenteile mit interessanten Proteingehalten, aber bei Aussagen über Brennnesselsamen sollte man genau hinschauen, welche Untersuchung tatsächlich Samen, Blätter oder Extrakte analysiert hat. Viele der im Internet herumgereichten Nährwerttabellen beziehen sich nämlich gar nicht ausschließlich auf die Samen.
Die Stärke der Samen sehe ich deshalb weniger darin, sie zu einer kleinen Proteinbombe hochzustilisieren, sondern in ihrer Kombination aus Öl, ungesättigten Fettsäuren und sekundären Pflanzenstoffen. Die chemische Charakterisierung von Brennnesselsamenöl zeigt gerade diesen Fettanteil mit einer interessanten Fettsäurezusammensetzung.
Wenn meine Hühner mehr Protein brauchen, beispielsweise während einer starken Mauser, löse ich das deshalb nicht dadurch, dass ich einfach riesige Mengen Brennnesselsamen ins Futter kippe.
Dafür braucht es eine insgesamt passende Ration.
Warum ich sie trotzdem so gerne sammle
Weil sie praktisch sind.
Eine Brennnessel wächst bei mir ohnehin. Ich muss keine exotische Pflanze bestellen, keine drei Jahre warten, bis sie endlich erntereif ist, und anschließend auch keinen kostbaren Platz im Gemüsegarten dafür opfern.
Ich sammle etwas, das direkt vor meiner Nase wächst, trockne es und kann es später verwenden.
Genau das ist für mich Selbstversorgung.
Es muss nicht immer bedeuten, dass man für alles ein eigenes Beet anlegt. Manchmal besteht Selbstversorgung schlicht darin, zu erkennen, was längst da ist.
Und bei Brennnesseln ist meistens wirklich ausreichend davon da.
Sehr ausreichend.
Wann sammle ich Brennnesselsamen?
Je nach Standort und Witterung beginnt die Samenreife bereits im Sommer und zieht sich bis in den Frühherbst. Ende August ist deshalb für mich eine wunderbare Zeit, um nach gut entwickelten Samenständen zu schauen.
Ich sammle möglichst an einem trockenen Tag, wenn auch die Pflanzen selbst trocken sind. Nach mehreren Regentagen würde ich lieber noch warten, weil unnötig feuchtes Pflanzenmaterial später langsamer trocknet und das Risiko erhöht, dass es bei der Lagerung Probleme gibt.
Am liebsten gehe ich vormittags oder tagsüber los, sobald Tau und Feuchtigkeit verschwunden sind.
Und ich nehme nicht jede Brennnessel mit.
Pflanzen direkt an stark befahrenen Straßen, offensichtlichen Hundestrecken, intensiv gespritzten Flächen oder anderen Orten, an denen ich die Belastung nicht einschätzen kann, lasse ich stehen.
Nur weil etwas wild wächst, bedeutet das schließlich nicht automatisch, dass ich es unbedingt verfüttern möchte.
So ernte ich die Samenstände
Ich ziehe Handschuhe an und schneide die oberen Bereiche mit den reifen weiblichen Samenständen ab. Wer sehr empfindlich auf Brennhaare reagiert, trägt am besten zusätzlich lange Ärmel.
Die abgeschnittenen Pflanzenteile kommen bei mir in einen Korb oder eine große Schüssel, nicht sofort dicht gepackt in eine Plastiktüte. Gerade bei warmem Wetter möchte ich vermeiden, dass feuchtes Pflanzenmaterial mehrere Stunden zusammengedrückt herumliegt und anfängt zu schwitzen.
Zu Hause kontrolliere ich die Ernte noch einmal, entferne offensichtlich schlechte oder stark verschmutzte Teile und breite alles zum Trocknen aus.
Man könnte die Samen natürlich direkt von der Pflanze lösen.
Ich habe allerdings auch noch andere Dinge vor in meinem Leben.
Deshalb trockne ich lieber erst und trenne anschließend.
Brennnesselsamen richtig trocknen
Beim Trocknen möchte ich vor allem drei Dinge: wenig Feuchtigkeit, ausreichend Luft und keine unnötig hohe Temperatur.
Die Samenstände werden locker und möglichst dünn auf einem Trockengitter, Backblech mit geeigneter Unterlage oder einem anderen luftigen Untergrund verteilt. Sie sollten nicht in einem dicken Haufen liegen, weil die Feuchtigkeit dann schlecht entweichen kann.
Ich wende beziehungsweise bewege sie zwischendurch ein wenig und kontrolliere täglich, wie sie aussehen.
Wenn ich ein Dörrgerät verwende, arbeite ich bei Kräutern und ähnlichem Pflanzenmaterial lieber mit niedrigen Temperaturen. Es geht nicht darum, die Brennnessel in möglichst kurzer Zeit knusprig zu grillen, sondern ihr schonend Wasser zu entziehen.
Sobald alles wirklich trocken ist, lassen sich die Samenstände zwischen den Händen beziehungsweise über einer Schüssel abrebeln. Anschließend kann man gröbere Stängel und Pflanzenreste aussortieren.
Wer möchte, kann die Samen noch durch ein grobes Sieb geben.
Ich persönlich brauche allerdings kein optisch perfektes Saatgut wie aus einem Reformhaus. Ein paar kleine trockene Pflanzenstückchen bringen meine Hühner nicht aus dem Konzept.
Der häufigste Fehler passiert erst nach dem Trocknen
Man glaubt, die Samen seien schon trocken genug, füllt sie in ein Glas und stellt dieses in den Schrank.
Ein paar Wochen später öffnet man es und stellt fest, dass man leider keine Brennnesselsamen konserviert hat, sondern ein kleines privates Feuchtbiotop.
Deshalb gilt: Erst einlagern, wenn wirklich alles vollständig durchgetrocknet ist.
Zur Lagerung nehme ich saubere, trockene und gut schließende Gefäße und stelle sie dunkel sowie möglichst kühl. Licht, Feuchtigkeit und Wärme sind bei getrockneten Vorräten generell keine besonders hilfreiche Kombination.
Wenn sich im Glas Kondenswasser bildet, etwas muffig riecht oder sich sichtbar Schimmel entwickelt, kommt es weg.
Bei Futtermitteln gilt für mich exakt dieselbe Regel wie bei Lebensmitteln für uns selbst: Ich verfüttere nichts, bei dem ich bereits beim Öffnen hoffe, dass es wahrscheinlich noch geht.
Wie verfüttere ich Brennnesselsamen an meine Hühner?
Ich benutze Brennnesselsamen als Ergänzung und mische kleine Mengen unter das normale Futter beziehungsweise in meine eigenen Kräuter und Futtermischungen.
Dabei muss man sich bewusst machen, dass Samen im Vergleich zu frischen Blättern relativ konzentrierte Pflanzenteile sind und unter anderem Öl enthalten. Genau deshalb muss ich daraus keine tägliche Hauptmahlzeit machen.
Das Grundfutter meiner Hühner soll den Bedarf an Energie, Protein, essenziellen Aminosäuren, Mineralstoffen und Vitaminen decken. Brennnesselsamen kommen obendrauf, nicht an dessen Stelle.
Und genau das ist mir bei selbst zusammengestellten Kräuterrezepten wichtig: Ein Zusatz kann eine gute Ration interessanter machen. Er kann eine unausgewogene Ration aber nicht durch Magie reparieren.
Ich mahle sie nicht zwingend
Brennnesselsamen sind klein genug, dass Hühner sie grundsätzlich aufnehmen können. Ich verwende sie deshalb je nach Mischung ganz oder leicht zerdrückt.
Wenn ich sie in eine feinere Futtermischung einarbeite, kann ich sie kurz mörsern oder gemeinsam mit anderen trockenen Bestandteilen zerkleinern, notwendig ist daraus aber kein Pulver zu machen, das anschließend bei jedem Öffnen des Behälters durch die halbe Küche fliegt.
Auch hier gewinnt bei mir meistens die praktische Variante.
Es soll schließlich Hühnerfutter werden und kein pharmazeutisches Laborprojekt.
Sind Brennnesselsamen eine natürliche Wurmkur?
Nein, diesen Anspruch würde ich ihnen nicht geben.
Es gibt jede Menge Pflanzen, denen im Internet eine antiparasitäre Wirkung zugeschrieben wird, und häufig werden Laborergebnisse, traditionelle Anwendungen und tatsächliche Behandlung eines erkrankten Tieres ziemlich wild miteinander vermischt.
Für Brennnesseln existieren interessante Forschungsarbeiten zu verschiedenen biologischen Eigenschaften, und auch in der Tierernährung wird die Pflanze untersucht. Daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass selbst gesammelte Brennnesselsamen in irgendeiner Küchenmenge eine nachgewiesene Entwurmungsbehandlung beim Huhn ersetzen.
Wenn ich einen konkreten Parasitenverdacht habe, möchte ich wissen, womit ich es zu tun habe, und behandle entsprechend.
Brennnesselsamen dürfen trotzdem im Futter bleiben.
Sie müssen nur nicht gleichzeitig Tierarzt spielen.
Und was ist mit dem Immunsystem?
Auch hier würde ich sauber formulieren.
Brennnesseln enthalten verschiedene bioaktive Pflanzenstoffe und es gibt experimentelle Studien, in denen Brennnesselzusätze bei Tieren mit Veränderungen antioxidativer beziehungsweise immunologischer Marker verbunden waren. Bei Broilern wurden beispielsweise Veränderungen antioxidativer Enzymsysteme nach Brennnesselzugabe untersucht.
Das ist wissenschaftlich interessant.
Es bedeutet allerdings nicht, dass ich meinem Huhn Brennnesselsamen gebe und anschließend versprechen kann, sein Immunsystem sei jetzt verstärkt.
Der Körper funktioniert etwas komplizierter als ein WLAN Signal.
Ich nutze solche Pflanzen deshalb als Teil einer abwechslungsreichen, vernünftigen Fütterung und nicht als Garantie gegen Krankheiten.
Können meine Hühner auch die restliche Brennnessel bekommen?
Natürlich ist nicht nur der Samen interessant.
Brennnesselblätter werden schon lange als Futtermittel beziehungsweise Futterzusatz untersucht. Auch Studien mit Geflügel beschäftigen sich mit getrockneter Brennnessel in der Ration und möglichen Auswirkungen auf Leistung, Pigmentierung und verschiedene Stoffwechselparameter.
Frische Brennnesseln werden von vielen Tieren wegen der Brennhaare zunächst gemieden. Nach dem Welken, Trocknen oder Zerkleinern verlieren diese Haare jedoch einen großen Teil ihrer unangenehmen Wirkung, weshalb sich Brennnessel hervorragend trocknen und später in Futtermischungen verwenden lässt.
Für mich gehört sie deshalb zu den Pflanzen, bei denen ich im Laufe des Jahres unterschiedliche Pflanzenteile nutze, anstatt nur einmal im Frühling ein paar Blätter abzuschneiden und den Rest des Jahres nicht mehr hinzuschauen.
Warum ich einen Teil trotzdem draußen lasse
Bei aller Sammelmotivation ernte ich nicht jede einzelne Brennnessel komplett ab.
Brennnesseln sind wichtige Futterpflanzen für verschiedene Schmetterlingsraupen und gehören zu einem lebendigen Garten dazu. Außerdem möchte ich natürlich, dass sich ein Teil der Pflanzen selbst weiter aussät und im nächsten Jahr wieder auftaucht.
Wobei ich bei Brennnesseln zugegebenermaßen relativ wenig Angst davor habe, dass sie plötzlich aus unserem Garten verschwinden.
Es gibt Pflanzen, bei denen man jedes Samenkorn liebevoll bewahrt.
Und es gibt Brennnesseln.
Mein Wintervorrat muss nicht kompliziert sein
Genau deshalb mag ich Brennnesselsamen so gern.
Ich brauche dafür kein Spezialgerät und muss auch keine Pflanze aus irgendeinem weit entfernten Land bestellen. Ende August gehe ich durch den Garten, schneide ein paar gute Samenstände, trockne sie und habe anschließend einen Vorrat, den ich über viele Wochen in kleinen Mengen nutzen kann.
Neben Brennnesseln sammle und verarbeite ich für meine Hühner natürlich noch viele andere Pflanzen und Lebensmittel, und genau daraus ist irgendwann auch mein Rezeptbuch für Hühner entstanden. Darin geht es nicht einfach darum, irgendwelche Küchenreste zusammenzuwerfen, sondern um verschiedene Futtermischungen und Rezepte, mit denen man die normale Fütterung sinnvoll ergänzen kann.
Denn je länger ich Hühner halte, desto weniger interessiert mich die Suche nach dem einen Superfood, das angeblich alles kann.
Viel spannender finde ich zu verstehen, was eine Pflanze tatsächlich liefert, wann ich sie ernten kann und wie sie sinnvoll in die gesamte Fütterung passt.
Und wenn das Ganze Ende August kostenlos neben meinem Gartenzaun wächst, nehme ich diesen Luxus ausgesprochen gern mit.
Nur die Handschuhe sollte man tatsächlich nicht vergessen.