Warum Schweine wühlen: Was hinter dem Verhalten steckt und warum sie es brauchen
Wenn man Schweine bekommt und vorher irgendeine romantische Vorstellung von einer grünen Wiese hatte, erledigt sich diese Vorstellung meistens relativ zuverlässig von selbst. Schweine können innerhalb erstaunlich kurzer Zeit aus einer unscheinbaren Grasfläche etwas machen, bei dem man sich fragt, ob nachts zusätzlich noch ein kleiner Bagger im Gehege unterwegs war.
Bei meinen Schweinen kann ich jedenfalls ziemlich gut beobachten, mit welcher Ausdauer sie ihren Rüssel in den Boden drücken, Erde anheben, Wurzeln freilegen und anschließend dieselbe Stelle noch einmal untersuchen, obwohl ich persönlich der Meinung gewesen wäre, dass dort inzwischen wirklich nichts Interessantes mehr sein dürfte.
Das Schwein sieht das offensichtlich anders.
Wühlen wird deshalb von Menschen schnell als eine Art Nebenwirkung der Schweinehaltung betrachtet. Schweine machen eben den Boden kaputt, also versucht man möglichst zu verhindern, dass sie wühlen.
Dabei dreht man die Sache eigentlich komplett um, denn aus Sicht des Schweins ist nicht das Wühlen das Problem. Problematisch kann vielmehr eine Haltung werden, in der ein Schwein kaum Gelegenheit bekommt, dieses Verhalten überhaupt auszuleben.
Wühlen gehört zum natürlichen Erkundungs und Futtersuchverhalten von Schweinen und ist keine schlechte Angewohnheit, die wir ihnen abtrainieren müssten. Wissenschaftliche Untersuchungen beschreiben Schweine als ausgesprochen stark motiviert, ihre Umgebung zu erkunden und nach Futter zu suchen. Unter naturnahen Bedingungen verbringen sie einen erheblichen Teil ihrer aktiven Zeit genau damit.
Und wenn man das einmal verstanden hat, betrachtet man eine umgepflügte Schweinefläche tatsächlich etwas anders.
Nicht zwingend schöner.
Aber verständnisvoller.
Was bedeutet Wühlen bei einem Schwein eigentlich?
Beim Wühlen benutzt das Schwein vor allem seine bewegliche, sehr kräftige Rüsselscheibe, mit der es den Boden untersucht, Material verschiebt, Erde aufbricht und Dinge freilegt.
Das Ganze gehört zu einem größeren Verhaltenskomplex, den man als Erkunden und Futtersuche zusammenfassen kann. Schweine schnuppern, schieben, kauen, beißen, graben und untersuchen ihre Umgebung ständig mit Maul und Rüssel. Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit zum Erkundungsverhalten von Schweinen beschreibt Wühlen deshalb als einen zentralen Teil ihres natürlichen Explorationsverhaltens.
Der Rüssel ist dabei keineswegs einfach nur die Vorderseite eines Schweins, mit der zufällig auch ein bisschen Erde bewegt werden kann. Er ist für das Tier ein wichtiges Werkzeug, mit dem die Umgebung untersucht und nach möglichen Futterquellen gesucht wird.
Wenn man Schweinen zusieht, merkt man schnell, dass dabei nicht einfach wahllos Erde herumgeschoben wird. Eine interessante Stelle wird intensiv untersucht, anschließend ziehen sie weiter, kehren manchmal zurück und reagieren sofort, wenn sie etwas Neues riechen oder entdecken.
Das erklärt übrigens auch, warum ein Schwein innerhalb von Sekunden merkt, dass man irgendwo im Auslauf etwas Essbares versteckt hat, obwohl man selbst ausgesprochen überzeugt davon war, besonders clever vorgegangen zu sein.
Man war nicht clever.
Man hatte nur kurz vergessen, mit wem man es zu tun hat.
Schweine wühlen nicht nur, weil sie Hunger haben
Das ist einer der Punkte, die ich besonders spannend finde, denn auf den ersten Blick könnte man denken, dass Wühlen schlicht Nahrungssuche bedeutet.
Hungriges Schwein sucht Futter.
Sattes Schwein hört auf.
Ganz so einfach ist es aber nicht.
Hunger kann die Motivation zur Futtersuche und zum Wühlen verstärken, doch Schweine zeigen ausgeprägtes Erkundungs und Wühlverhalten auch dann, wenn ihr Energiebedarf über das Futter grundsätzlich gedeckt wird. Die Forschung unterscheidet deshalb zwischen dem eigentlichen Ziel, also beispielsweise Nahrung zu finden, und der Motivation, das Such und Erkundungsverhalten selbst auszuführen.
Das ist für die Haltung ein entscheidender Unterschied.
Wenn mein Schwein morgens seine komplette Futterration bekommt, ist damit zwar sein Nährstoffbedarf gedeckt, aber nicht automatisch sein Bedürfnis, seine Umgebung zu erkunden.
Ein voller Futtertrog ersetzt deshalb kein Beschäftigungsmaterial und schon gar keine Möglichkeit zur Futtersuche.
Das wäre ungefähr so, als würde man einem Hund morgens sein Futter hinstellen und anschließend behaupten, damit sei auch sein Bedürfnis nach Schnüffeln, Laufen und Beschäftigung für den restlichen Tag erledigt.
Futteraufnahme und Beschäftigung hängen zusammen, sind aber nicht dasselbe.
Unter natürlichen Bedingungen verbringen Schweine enorm viel Zeit mit Futtersuche
Wenn Schweine Zugang zu einer abwechslungsreichen Umgebung haben, investieren sie einen erstaunlich großen Teil ihrer aktiven Zeit in Futtersuche und Exploration.
Untersuchungen an Schweinen in naturnahen beziehungsweise strukturierten Umgebungen zeigen, dass mehr als die Hälfte ihrer aktiven Zeit mit Futtersuche und Fressen verbracht werden kann. Dazu gehören Grasen, Wühlen, Schnuppern und die Untersuchung des Bodens.
Das finde ich wichtig, weil dadurch klar wird, welche Dimension dieses Verhalten eigentlich hat.
Wir reden nicht über eine Beschäftigung, die ein Schwein fünf Minuten am Nachmittag ausführt, wenn ihm zufällig langweilig ist.
Die Suche und Untersuchung der Umgebung nimmt einen großen Teil seines natürlichen Tagesablaufs ein.
Wenn wir ein Schwein halten, nehmen wir also nicht irgendein Tier, das zufällig gern Erde umdreht. Wir halten ein Tier, dessen Tagesablauf biologisch stark darauf ausgerichtet ist, seine Umgebung mit dem Rüssel zu untersuchen.
Entsprechend viel Bedeutung bekommt die Frage, was ein Schwein den ganzen Tag eigentlich tun kann.
Was suchen Schweine überhaupt im Boden?
Alles Mögliche.
Je nach Umgebung können Schweine Wurzeln, Pflanzenbestandteile, Samen und andere essbare Materialien finden. Auch tierische Nahrung kann interessant sein. Schweine sind schließlich keine reinen Pflanzenfresser, sondern Allesfresser.
Dabei geht es allerdings nicht bei jeder Bewegung darum, tatsächlich eine Kalorie aufzuspüren. Die Untersuchung einer Stelle gehört ebenfalls zum Verhalten, auch wenn am Ende nichts Essbares gefunden wird.
Genau deshalb sind abwechslungsreiche Materialien interessanter als eine völlig gleichförmige Oberfläche.
Ein Boden, in dem sich Gerüche verändern, Wurzeln auftauchen oder Material bewegt werden kann, bietet immer wieder neue Informationen. Eine blanke Betonfläche ist dagegen nach relativ kurzer Zeit vollständig untersucht.
Das Schwein kennt danach praktisch jede interessante Stelle.
Und dann ist da einfach nichts mehr.
Deshalb reicht ein Ball im Schweinestall häufig nicht aus
Beschäftigung wird bei Tieren manchmal sehr menschlich gedacht.
Man hängt irgendeinen Gegenstand auf, legt einen Ball hinein und sagt: Jetzt haben sie doch Spielzeug.
Ein Schwein interessiert sich möglicherweise tatsächlich eine Weile dafür. Das Problem ist nur, dass ein Gegenstand, der sich nicht verändert und über Wochen an derselben Stelle hängt, irgendwann ausgesprochen berechenbar wird.
Wissenschaftliche Untersuchungen zum Beschäftigungsmaterial für Schweine kommen deshalb zu einem interessanten Ergebnis: Besonders attraktiv sind Materialien, die untersuchbar, veränderbar, zerstörbar und manipulierbar sind und eventuell sogar kleine essbare Bestandteile enthalten.
Eigentlich ist das ziemlich logisch.
Ein Stück starres Plastik riecht morgen noch genauso wie heute.
Eine Kiste mit Stroh, Erde oder einem anderen geeigneten lockeren Material verändert sich dagegen ständig. Man kann darin graben, Material verschieben, etwas finden und anschließend an einer anderen Stelle weitermachen.
Das Schwein bekommt eine Aufgabe, die nicht nach 40 Sekunden gelöst ist.
Schweine brauchen Beschäftigung, die den Rüssel mit einbezieht
Wenn ich Beschäftigung für Schweine plane, frage ich mich deshalb nicht nur, ob sie irgendeinen Gegenstand haben, sondern ob sie damit tatsächlich schweinetypisches Verhalten ausführen können.
Kann das Material untersucht werden?
Kann das Schwein hineinwühlen?
Kann es etwas verschieben?
Kann es daran kauen?
Verändert sich das Ganze während der Benutzung?
Genau diese Eigenschaften werden auch in der wissenschaftlichen Literatur als besonders relevant für gutes Beschäftigungsmaterial beschrieben.
Interessant ist übrigens, dass selbst die EU Mindestanforderungen an die Schweinehaltung ausdrücklich vorsehen, dass Schweine dauerhaft Zugang zu ausreichend Material haben müssen, mit dem sie Erkundungs und Manipulationsverhalten ausüben können. Als Beispiele werden unter anderem Stroh, Heu, Holz, Sägemehl, Pilzkompost und Torf genannt, sofern das Material die Gesundheit der Tiere nicht gefährdet.
Das ist also nicht irgendeine luxuriöse Zusatzbeschäftigung für besonders verwöhnte Schweine.
Das Bedürfnis ist inzwischen sogar in den Haltungsanforderungen berücksichtigt.
Was passiert, wenn Schweine nicht ausreichend erkunden können?
Schweine hören nicht einfach auf, neugierig zu sein, nur weil ihre Umgebung nichts Interessantes hergibt.
Das Verhalten kann sich stattdessen auf andere Dinge verlagern.
In reizarmen Haltungsumgebungen kann Erkundungsverhalten beispielsweise stärker auf Stallteile oder andere Schweine gerichtet werden. Ungeeignete Umweltbedingungen und mangelndes Beschäftigungsmaterial werden außerdem mit unerwünschten Verhaltensweisen wie Schwanzbeißen und anderen Formen von Manipulation an Artgenossen in Verbindung gebracht.
Natürlich bedeutet das nicht, dass jedes Schwein ohne Erdfläche automatisch morgen den Schwanz seines Nachbarn frisst. Verhalten entsteht immer aus mehreren Faktoren, zu denen unter anderem Fütterung, Platz, Klima, Gruppenzusammensetzung und Gesundheit gehören können.
Trotzdem zeigt der Zusammenhang etwas Wichtiges.
Wenn ein Tier ein stark ausgeprägtes Bedürfnis zur Untersuchung seiner Umgebung besitzt, sollten wir ihm eine sinnvolle Möglichkeit geben, dieses Verhalten auf geeignete Dinge zu richten.
Sonst sucht es sich möglicherweise selbst etwas.
Und diese Lösung gefällt uns dann unter Umständen deutlich weniger.
Welches Material eignet sich zum Wühlen?
Wenn Schweine direkten Zugang zu natürlichem Boden haben, erledigt sich ein Teil der Frage von selbst, weil Erde und Bewuchs bereits jede Menge Möglichkeiten zum Erkunden bieten.
Allerdings ist nicht jeder Außenbereich das ganze Jahr über gleichermaßen interessant. Eine Fläche kann stark verdichtet werden, vollständig umgegraben sein oder irgendwann kaum noch veränderbares Material bieten.
Dann kann man zusätzliche Wühlbereiche schaffen.
Geeignete lose und manipulierbare Materialien können je nach Haltungsform beispielsweise Stroh, Heu, Erde, geeignetes Kompostmaterial oder andere gesundheitlich unbedenkliche Naturmaterialien sein. Entscheidend ist weniger, irgendeine magische Sorte Beschäftigungsmaterial zu finden, sondern dem Schwein Material anzubieten, das sich tatsächlich untersuchen und verändern lässt.
Eine neuere Untersuchung hat beispielsweise verglichen, wie Schweine verschiedene Mengen Stroh beziehungsweise Kompost als Wühlmaterial nutzen. Dabei zeigte sich erneut, dass die Beschaffenheit und Menge des angebotenen Materials beeinflussen, wie gut Schweine ihr Wühlbedürfnis darin ausleben können. In dieser Untersuchung erwies sich tiefes Kompostmaterial als besonders attraktiv für das Wühlverhalten.
Das heißt natürlich nicht, dass jetzt jeder Schweinehalter zwingend einen riesigen Kompostberg bauen muss.
Es zeigt vielmehr, dass Materialtiefe und Veränderbarkeit eine Rolle spielen und eine dünne Handvoll Stroh auf festem Boden nicht dasselbe bietet wie ein Bereich, in den ein Schwein seinen Rüssel wirklich hineinarbeiten kann.
Futter verstecken macht aus Fressen wieder eine Aufgabe
Eine meiner liebsten Möglichkeiten, Schweine zu beschäftigen, besteht darin, nicht jedes interessante Futter immer einfach in einem Napf zu präsentieren.
Natürlich muss die Grundversorgung zuverlässig funktionieren und eine vernünftige Ration darf nicht zum täglichen Suchspiel werden, bei dem am Ende ein rangniedriges Schwein nichts abbekommt.
Zusätzliche geeignete Futterbestandteile kann man aber durchaus so anbieten, dass die Tiere dafür etwas tun müssen.
Man kann beispielsweise kleine Mengen in geeignetem Wühlmaterial verteilen oder an verschiedenen Stellen platzieren, sodass die Schweine suchen müssen.
Damit entsteht genau das, was in einer natürlichen Umgebung ständig passiert: Es lohnt sich nicht zwingend an jeder Stelle zu suchen, aber gelegentlich findet man etwas.
Die wissenschaftliche Literatur beschreibt gerade solche Materialien mit vereinzelt vorhandenen essbaren Bestandteilen als besonders attraktiv für länger anhaltendes Erkundungsverhalten.
Und man merkt den Unterschied tatsächlich sehr schnell.
Ein Apfel im Trog ist in kürzester Zeit verschwunden.
Ein paar kleine geeignete Futterstücke, die gesucht werden müssen, können die Tiere wesentlich länger beschäftigen.
Wühlen bedeutet nicht automatisch, dass dein Schwein einen Mangel hat
Das ist mir wichtig, weil bei Tierverhalten schnell medizinische Erklärungen gesucht werden.
Mein Schwein wühlt ständig, fehlt ihm etwas?
In den allermeisten Fällen ist die einfache Antwort erst einmal: Es ist ein Schwein.
Natürlich kann verstärkte Futtersuche durch Hunger oder eine unpassende Fütterung beeinflusst werden. Restriktive Fütterung kann die Motivation zur Nahrungssuche und das Wühlverhalten verstärken.
Aber aus normalem Wühlen allein lässt sich kein bestimmter Nährstoffmangel ableiten.
Ein gut versorgtes Schwein darf und soll seine Umgebung trotzdem untersuchen.
Ich würde deshalb eher aufmerksam werden, wenn sich das gesamte Verhalten verändert, die Tiere extrem unruhig nach Nahrung suchen, Gewicht verlieren, sich die Körperkondition verändert oder andere Auffälligkeiten dazukommen.
Ein Schwein, das zufrieden eine Stunde lang einen Teil des Auslaufs umdreht, weil dort offenbar die interessanteste Wurzel Niedersachsens liegt, zeigt dagegen ziemlich normales Schweineverhalten.
Muss ich meinen kompletten Garten opfern?
Nein.
Und ich sage das als jemand, der durchaus nachvollziehen kann, dass man nicht möchte, dass Schweine innerhalb von zwei Wochen das gesamte Grundstück in eine archäologische Ausgrabungsstätte verwandeln.
Artgerechte Beschäftigung bedeutet nicht, dass Tiere überall alles dürfen müssen.
Man kann Flächen strukturieren und bestimmte Bereiche bewusst als Wühlflächen anbieten, während andere geschützt werden. Gerade bei größeren Außenflächen kann auch eine wechselnde Nutzung sinnvoll sein, damit einzelne Bereiche sich erholen können.
Das Wühlverhalten selbst würde ich dabei aber nicht vollständig verhindern wollen.
Wenn ich Schweine draußen halte, muss ich mich in gewissem Umfang mit der Tatsache anfreunden, dass ihre Definition von schöner Landschaftsgestaltung eine andere ist als meine.
Meine lautet vielleicht Wiese.
Ihre lautet eher Da könnte unter der Wiese etwas sein.
Und damit beginnen die Verhandlungen.
Ein Wühlbereich muss nicht kompliziert sein
Man braucht dafür keine sündhaft teure Schweine Erlebnislandschaft.
Ein Bereich mit ausreichend tiefem, lockerem und gesundheitlich unbedenklichem Material kann schon sehr interessant sein. Dazu lassen sich regelmäßig neue Dinge einbringen oder kleine Futterreize setzen, damit der Bereich nicht nach einigen Tagen komplett bekannt ist.
Auch Stroh kann zum Untersuchen, Kauen und Manipulieren genutzt werden, wobei tieferes und stärker veränderbares Material für richtiges Wühlen natürlich mehr Möglichkeiten bietet als ein einzelner dünner Halm auf festem Untergrund. Forschung zu Beschäftigungsmaterial zeigt immer wieder, dass Schweine besonders lange mit Materialien interagieren, die komplex, veränderbar und manipulierbar bleiben.
Wichtig ist außerdem, Beschäftigung nicht nur einmal einzurichten und anschließend für die nächsten sechs Monate zu vergessen.
Schweine lernen schnell.
Wenn sich nie etwas verändert, ist auch der spannendste Bereich irgendwann einfach bekannt.
Warum Schweine so unfassbar gründlich wühlen
Wer schon einmal versucht hat, etwas in einem Schweinegehege zu verstecken, versteht wahrscheinlich, warum Menschen Schweine sogar zur Suche nach bestimmten Dingen einsetzen.
Schweine besitzen einen hervorragend entwickelten Geruchssinn und verbinden diesen mit ihrem ausgesprochen intensiven Erkundungsverhalten. Beim Wühlen werden deshalb nicht einfach wahllos Quadratmeter umgepflügt, sondern Gerüche und Veränderungen im Untergrund untersucht.
Das ist auch der Grund, warum frisch umgegrabene Stellen häufig sofort besondere Aufmerksamkeit bekommen.
Wir denken: Da habe ich schön gearbeitet.
Das Schwein denkt: Interessant. Hier stimmt etwas nicht mehr mit gestern überein.
Und fünf Minuten später war die eigene Gartenarbeit offenbar nur der erste Entwurf.
Wühlen kann sogar bei der Flächenpflege genutzt werden
Das Verhalten, das im falschen Bereich ziemlich zerstörerisch wirken kann, lässt sich bewusst einsetzen.
Schweine können Flächen aufbrechen, Pflanzen und Wurzeln entfernen und Bodenbereiche stark bearbeiten. Genau deshalb wurden und werden Schweine in verschiedenen Formen der Freilandhaltung teilweise gezielt auf Flächen eingesetzt, auf denen ihre Futtersuchaktivität erwünscht ist.
Man muss dabei allerdings aufpassen, daraus nicht das Märchen vom perfekten vierbeinigen Gartenfräser zu machen. Intensives Wühlen kann Vegetation vollständig zerstören, den Boden offenlegen und bei falscher Flächennutzung Probleme verursachen. Wie stark Schweine eine Fläche bearbeiten, hängt unter anderem von Fütterung, Boden, Vegetation und verfügbarer Fläche ab. Untersuchungen in Weidesystemen zeigen beispielsweise, dass Fütterung und angebotene Vegetation die Wühlaktivität beeinflussen können.
Wenn ich Schweine also gezielt eine Fläche bearbeiten lasse, muss ich vorher wissen, wie diese Fläche danach aussehen darf.
Denn Schweine verstehen leider nicht:
Bitte nur Unkraut entfernen und die schöne Staude links stehen lassen.
Sie arbeiten eher nach dem Prinzip Komplettservice.
Ein Schwein braucht nicht ständig Action, sondern sinnvolle Möglichkeiten
Bei Beschäftigung denke ich nicht daran, dass Schweine von morgens bis abends bespaßt werden müssen.
Sie schlafen und ruhen natürlich ebenfalls viel, suchen sozialen Kontakt und haben verschiedene andere Verhaltensweisen.
Der entscheidende Punkt ist, dass die Umgebung ihnen ermöglicht, selbst eine Beschäftigung aufzunehmen, wenn sie dieses Bedürfnis haben.
Ein großer Unterschied.
Ich muss also nicht drei Stunden täglich mit einem Schwein Animation machen.
Ich sollte ihm eine Umgebung bieten, in der es schweinetypische Dinge tun kann.
Erkunden, suchen, wühlen, kauen, ruhen, sich bewegen und mit anderen Schweinen interagieren.
Genau solche Möglichkeiten gehören zu einer Haltung, bei der wir nicht nur darüber nachdenken, ob ein Tier satt und trocken ist, sondern auch darüber, was dieses Tier eigentlich den ganzen Tag tun möchte.
Daran erkenne ich einen guten Beschäftigungsbereich
Für mich ist ein guter Wühlbereich nicht der, der auf einem Foto besonders ordentlich aussieht, sondern der, zu dem die Schweine freiwillig immer wieder zurückkehren.
Wenn sie darin mit dem Rüssel arbeiten, Material verschieben, suchen und immer wieder neue Stellen untersuchen, erfüllt er seinen Zweck offensichtlich besser als irgendein Gegenstand, der seit drei Monaten vollkommen unbeachtet in der Ecke liegt.
Genau dafür gibt es auch aus der Forschung eine ziemlich einfache Orientierung: Gute Beschäftigung für Schweine bleibt interessant, weil sie veränderbar, untersuchbar, kaubar oder zerstörbar ist und im Idealfall verschiedene Reize bietet.
Das ist für mich inzwischen ein viel besserer Maßstab als die Frage, wie viele Beschäftigungsgegenstände irgendwo herumliegen.
Fünf langweilige Dinge ergeben schließlich nicht automatisch gute Beschäftigung.
Was Schweine mit einer umgegrabenen Wiese eigentlich sagen
Wenn ich heute meine Schweine wühlen sehe, denke ich deshalb nicht mehr zuerst daran, dass sie gerade den Boden ruinieren.
Gut, manchmal denke ich das durchaus auch.
Ich bin schließlich diejenige, die anschließend darauf herumläuft.
Aber gleichzeitig sehe ich ein Tier, das sehr intensiv genau das Verhalten zeigt, für das sein Körper und seine Sinne gemacht sind. Es sucht, untersucht, riecht, arbeitet mit dem Rüssel und beschäftigt sich teilweise über lange Zeit selbstständig mit seiner Umgebung.
Und genau darum geht es für mich bei guter Tierhaltung.
Nicht darum, Tiere so zu halten, dass ihre Umgebung für uns Menschen möglichst ordentlich aussieht, sondern ihnen innerhalb vernünftiger Grenzen die Möglichkeit zu geben, Tier zu sein.
Ein Schwein, das niemals irgendwo wühlen darf, ist schließlich nicht plötzlich ein besonders gut erzogenes Schwein.
Es ist immer noch ein Schwein.
Es hat nur keinen Boden mehr, in den es seinen Rüssel stecken kann.
Und wenn meine drei Damen deshalb irgendwann wieder innerhalb eines Nachmittags eine Stelle umgraben, bei der ich morgens noch ziemlich sicher war, dass dort Gras wachsen sollte, kann ich darüber inzwischen zumindest fachlich fundiert fluchen.